Wir schrieben uns an die dreißig Mails täglich, schrieben uns ALLES und trafen uns sehr oft. Ich machte meinen Alkoholentzug heimlich an einem Wochenende bei ihr, sie stand mir bei allem bei und ich begleitete sie zu einer psychologischen Beratungsstelle (ich denke inzwischen, sie hat das Borderline-Syndrom) und lieh ihr eine Menge Geld.
Es war ein Geben und Nehmen, aber auch eine ungesunde Beziehung. Es war zu heftig, zu intensiv, zu viel und zu abhängig.
Ich ersetzte den Alkohol durch diese Beziehungs-Mail-Aufmerksamkeits-Sucht.
Dann würde es ihr aber zu viel, sie wollte nicht mehr in Therapie, sie leugnete ein Problem zu haben und beendete die Freundschaft abrupt weil ich "nicht locker ließ".
Das zog mir den Boden unter den Füßen weg! Ich hatte körperliche Schmerzen, konnte am Anfang nichts mehr essen und ich ließ mich in eine Magersuchtphase fallen. Außerdem bestrafte ich mich mit Selbstverurteilung und Selbstverletzungen.
Mittlerweile sind drei Jahre vergangen, ich bin im 12-Schritte Programm, habe neue, gesündere Beziehungen, habe mein Psychologiestudium angefangen und bin auf einem guten Weg der Genesung.
Aber: In dieser Woche wurde die letzte Rate meines Darlehns zurückbezahlt!
Ich schrieb ihr zum Abschluss heute, nach fast drei Jahren wieder eine Mail: zur Bestätigung wegen der Vertragserfüllung. Eine Minute später kam die Antwort: "Danke dir, Hochachtungsvoll, Nina"
Ich hatte wieder Kontakt! Und so blöd es sich anhört: es kamen alte Gefühle und Erinnerungen hoch!
Eigentlich sollte ich glücklich sein, dass dieses Kapitel endlich endgültig abgeschlossen ist, aber es wühlt mich im Moment sehr auf.
Dieses Wochenende bin ich im Kloster Bad Wimpfen beim OA-Inventurwochenende und fühle mich dadurch gut "aufgehoben".
Natürlich waren sofort die Gedanken da: "Nichts mehr essen!" "Es merkt keiner wenn du dieses Gefühlschaos auskotzt!" (Ich habe eine eigene Toilette auf meinem Zimmer!) "Im Gruppenraum steht ein Kühlschrank voll mit Bier und Wein! Es würde keiner mitbekommen ob, und wie viel du da rausholst!"
Bevor ich diese Gedanken weiterspinnen konnte oder ich genau wusste welche Gefühle da sonst noch hochkommen, bat ich einen Freund aus meinem OA-Stammmeeting, der auch mit mir hier ist, zu einem Gespräch und erzählte ihm die ganze Geschichte. Dadurch "kotzte" ich meine Gefühle vor ihm aus.
Das tat so gut und half mir alles wieder ins richtige Licht zu bringen, die Dinge die ich nicht ändern kann zu erkennen und die ungesunden Anteile wahrzunehmen.
Somit konnte ich Werkzeuge benutzen, und tue es noch. Reden und Schreiben hilft. Mir geht es inzwischen viel besser.
Und es macht mich Stolz, dass ich weder gehungert, erbrochen oder getrunken habe.
Und es war schön, dass sich der OA-Freund bei mir bedankt hat, weil ich mich ihm anvertraut habe.
Ich hoffe, die "Werkzeuge der Genesung" weiterhin nutzen zu können.
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