Donnerstag, 18. September 2014

Der Stimmungsbarometer Waage

Meine Waage war und ist immer ein Stimmungsbarometer. Habe ich zugenommen fühlte ich mich schlecht und unfähig, bestätigt in dem Denken undiszipliniert und phlegmatisch zu sein.
Wog ich weniger, fühlte ich mich "leichter", freute mich, hatte Hoffnung auf ein "besseres" Leben, in dem ich stark, kontrolliert und aktiv bin. Quasi außen und innen schön und perfekt!

Es ist Wahnsinn, wie viel Macht ich diesem blöden Ding gebe!!!

Als ich übergewichtig war, wog ich mich selten, denn diese Zahl machte mich traurig. Es war wie eine Bestätigung, dass ich mein Leben nicht im Griff hatte.
Ich ließ mich allgemein gehen, achtete wenig auf mein Äußeres und wartete quasi auf bessere Zeiten, bessere Umstände, mehr Antrieb,...
Ab und zu versuchte ich eine Diät, brach aber meist bald frustriert ab.

Nach dem ich vor drei Jahren den Alkohol stehen ließ, rutschte ich in eine magersüchtige Phase. Ich aß fast nichts mehr, nahm in kurzer Zeit viel ab und war wie in einem Rausch. Die Waage war mein bester Freund! Jeden morgen musste ich meinen Erfolg sehen!!!
Dann bekam ich gerade noch die Kurve und konnte das Abnehmen stoppen, bevor ich ins Untergewicht rutschte.
Seit dem versuche ich das Gewicht in engen Grenzen zu halten, obwohl ich insgeheim den Wunsch habe einmal unter die nächste Zehnergrenze zu kommen. Aber dieser Wunsch wird kleiner, das merke ich.

Da ich immer die Menschen beneide, die sich gar nicht wiegen und trotzdem wohl fühlen, war der Wunsch bei mir da auch von diesen Zahlen wegzukommen. Aber da ich diesen täglichen Zwang mich zu Wiegen verspürte, um mich selbst zu kontrollieren, weil ich meinem Gefühl nicht traute, dachte ich nicht, dass ich auch auf die Waage verzichten könnte.
Immer wieder versuchte ich einige Tage, wenige Wochen,... Am Ende siegte die Neugier.

Als ich in meiner Genesung fortschritt, wurde auch der Wiegezwang kleiner. Es begann diesmal mit dem Vorhaben, mich einen Monat nicht zu Wiegen. Einen Tag vor Ablauf dieses Monats merkte ich, dass ich Angst vor dem Wiegen hatte. Mir war bewusst, dass nichts gutes dabei herauskommen kann! Entweder bekomme ich Angst und Panik, wenn ich über meiner persönlichen "Grenze" bin, oder ich bin enttäuscht, wenn es gleich ist, oder es spornt mich im negativen Sinn an, falls es weniger ist... Also beschloss ich, mich noch einen Monat nicht zu Wiegen.

Mittlerweile bin ich im dritten Monat ohne Waage.
Manchmal habe ich das Gefühl ich halte es ohne die Kontrolle durch die Waage nicht länger aus, dann gibt es wieder Tage in denen fühle ich mich unglaublich frei!

Ich fühle mich manchmal sehr dick, dann wieder ganz wohl,... Das kann täglich schwanken und kann somit nichts mit dem tatsächlichen Körpergewicht zu tun haben.

An Tagen wo es mir schwer fällt, an denen ich das Gefühl habe die Kontrolle und die Bestätigung der Waage zu brauchen, vertröste ich mich auf Ende des Monats.
"Einmal im Monat wiegen ist genug", sage ich mir dann und hoffe insgeheim, dass ich es zum nächsten Monatswechsel wieder um einen Monat verschiebe...

Ich habe mich schon lange nicht mehr so frei gefühlt wie zur Zeit!
Auch die Abstinenz beim Essen fällt mir seit dem viel leichter!!!!