Die Liste wird nach und nach erweitert und vervollständigt. Die Reihenfolge hat dabei keine Bedeutung.
Vorurteil 1:
Alkoholiker fallen immer auf, sie müssen morgens schon trinken, haben körperliche Entzugserscheinungen und können nicht ohne Alkohol leben.
Tatsache: Pausen machen zu können beweist nicht, dass man kein Alkoholproblem hat! Das Fehlen von körperlichen Entzugserscheinungen auch nicht.
Das Verheimlichen des eigentlichen Alkoholkonsums beweist eher, dass ein Problem existiert.
Es gibt sogenannte "funktionierende Alkoholiker". Mittlerweile habe ich einige davon kennengelernt und ich zähle mich selbst auch dazu.
Es sind Menschen die trinken, um zu funktionieren. Um Stress, Frust, Überforderung oder mit welchen negativen Gefühlen sie sich auch immer nicht beschäftigen wollen, runterdrücken zu können.
Ich habe auch Trinkpausen gemacht, in den Schangerschaften, oder unter gewissen anderen Umständen...
Körperlich spürbare Entzugserscheinungen hatte ich nur in den letzten Wochen, obwohl ich 20 Jahre lang süchtig war!
Ich bin nie besonders negativ aufgefallen, habe immer funktioniert, nur heimlich viel getrunken, nach außen die perfekte Ehefrau, Mutter und Hausfrau (früher Tochter, Schülerin oder Studentin) gespielt.
Für mich war das alles damals mein Beweis, nicht süchtig zu sein.
Mittlerweile weiß ich es besser!
Vorurteil 2:
An Essstörungen leiden nur junge Mädchen.
Eins stimmt: Oft, aber nicht immer, beginnen Essstörungen in der Pubertät. Manchmal erkennt man das auch erst im nachhinein.
Aber: Ich kenne sehr viele Betroffene zwischen 30 und 50! Die, wie ich, über Jahrzehnte ein gestörtes Verhältnis zum Essen haben. Viele Betroffene müssen, wie auch Alkoholiker, ihr Leben lang aufpassen und "kontrolliert" mit dem Essen umgehen, auch wenn sie als "geheilt" gelten, weil sie über Jahre symptomfrei waren. Aber die innerlichen Kämpfe, die beinahe Rückfälle in alte Verhaltensmuster, der innerliche Kampf mit der Zahl auf der Waage (manche schaffen es nur OHNE Waage), der Kampf gegen den Druck und die innere Unzufriedenheit,... Der ist selten nach außen hin sichtbar.
Es ist wieder ein Vorurteil was es für manche Betroffene, die nicht ins Klischee passen, sehr schwierig machen kann, sich die Krankheit einzugestehen und relativ offen damit umzugehen.
Vorurteil 3:
Bei Essstörungen geht es nur ums Abnehmen.
Im Gegenteil: Eine Essstörung ist nur in den Griff zu bekommen, wenn man einsieht und erkennt, dass es dabei gar nicht ums Essen geht!
Es geht um den Umgang mit Gefühlen, mit Druck, mit innerer Unzufriedenheit, mit innerer Leere, um "falsche" Belohnung, um Verdrängung, um den gefühlten inneren Mangel, um den unerreichten aber angestrebten Perfektionismus, um Kontrolle, um Einsamkeit,...
Meist ist es ein Drucheinander von all diesen Dingen, die langsam aufgedröselt und bearbeitet werden müssen!
Vorurteil 4:
Wer süchtig ist, hat einen schwachen Willen.
Es geht um gelerntes Konfliktlösungsverhalten, welches sich entwickelt hat. Warum es sich bei manchen Menschen entwickelt und bei anderen nicht, dafür gibt es sehr viele Gründe.
Eine Rolle spielt dabei: Die Vererbung, vorgelebtes Verhalten, die eigene Persönlichkeit, die Erziehung, das Umfeld,...
Zu Beginn einer Abstinenz, wenn man aufhören und sein bisheriges Verhalten durchbrechen will, braucht man einen starken Willen, eine hohe Motivation, das stimmt. Aber damit allein schafft man es nicht auf Dauer. Und wenn doch, wird man nicht zufriedener sondern nur verbittert.
Wenn man "gesund" werden möchte, muss die Einstellung, das Verhalten, die innere Haltung geändert werden! Und dazu gehören eher viel Geduld, Arbeit und Energie als ein starker Wille!
Vorurteil 5:
Wenn ein Alkoholiker eine Schnapspraline isst, wird er sofort rückfällig und trinkt wieder.
Ein Alkoholiker ist keine Maschine, die nach bestimmten Regeln arbeitet und auf bestimmte Eingaben digital reagiert.
Jeder Mensch ist anders, so auch jeder Alkoholiker. Jeder hat andere Hemmschwellen, andere Grenzen, ab diesen das Verhalten "gefährlich" werden kann.
Tatsache ist, dass jede Einnahme von Alkohol, und sei es eine alkoholhaltige Praline, etwas im sogenannten Suchtgedächtnis auslösen kann (nicht MUSS), was der Betroffene vielleicht zuerst selbst nicht merkt.
Das Problem ist, wenn die eigenen Grenzen schwammig werden, können sie sich verschieben, das Suchthirn kann wieder mit der Diskussion anfangen, "das alles doch gar nicht so schlimm ist", "ein ab und zu möglich ist", ...
... und schon beginnt wieder der tückische Kreislauf von Verharmlosung, Verläugnung und Verdrängung, der, möglicherweise sofort, manchmal Wochen später, in einem schlimmen Rückfall enden kann.
Und das alles "nur" wegen einer "harmlosen" Schnapspraline oder einem alkoholfreien Sekt zum Anstoßen!
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