Zitat aus den 12 Schritten der AA und OA:
Schritt eins: "Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol/Essen gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten."
Im ersten Schritt des 12 Schritte-Programms von AA oder OA geht es, meiner Meinung nach, nicht "nur" um die Machtlosigkeit und somit der Kapitulation gegenüber dem Essen und/oder dem Alkohol. Es geht in erster Linie um das Aufgeben des Versuchs Kontrolle zu haben! Viele mögen denken, das kommt doch auf das Gleiche heraus. Mag sein. Aber für mich macht es diese Unterscheidung der Formulierung verständlicher worum es geht!
Ich habe keine Kontrolle! Und meine ständigen Versuche und mein immer wiederkehrender Glaube und Wunsch die Kontrolle zu haben, oder zurückzubekommen, lassen mich so lange im Kreis drehen!
Beim Alkohol ist die Sache ziemlich übersichtlich: kontrolliertes Trinken ist (zumindest auf längere Sicht) unmöglich, also muss ich meinen Wunsch danach aufgeben. Auch wenn manche, wie ich, das erst noch einmal persönlich überprüfen mussten ;-)
Kontrolle beim Essen ist so viel komplizierter, weshalb ich dafür ungleich länger brauche es zu verstehen.
Deshalb ist die intensive Arbeit an Schritt 1 und der Untersuchung des eigenen Essverhaltens für mich absolut notwendig.
Das Erbrechen nach dem Essen gibt mir ein Trugbild der Kontrolle! Ich rede mir selbst ein auf diese Weise die Kontrolle über mich zurückzubekommen! Indem ich meinen vorherigen Kontrollverlust "wieder gut mache" habe ich die Kontrolle über mich, über mein Essen und mein Gewicht zurück!!! Dass das aber ein sehr zwanghaftes, ungesundes, unbefriedigendes, süchtiges und dauerhaft deprimierendes Verhalten ist, verdränge ich gern! Vor allem hat es NICHTS mit Kontrolle zu tun!!!
Noch schwieriger ist für mich das Thema Kontrolle bei meinem magersüchtigen Anteil! Nicht, oder wenig essen, zu hungern und abzunehmen, steht für mich gefühlt immer noch eng im Zusammenhang mit Kontrolle.
Ich darf aber eigentlich nicht weiter abnehmen (ich war bis vor 2,5 Jahren viele Jahre übergewichtig), ich bin jetzt wieder genau auf dem Gewicht was meine Hausärztin als unteres Limit definiert hat!
Und trotzdem möchte ich weiter abnehmen! Möchte das gute Gefühl von Macht und Kontrolle haben! Mir selbst "beweisen" dass ich so viel Kontrolle über mich habe, dass ich sogar unter die nächste Zehnerzahl komme!
Von Verstand her weiß ich, dass das nichts mit Kontrolle zu tun hat, sondern mit zwanghaftem Verhalten! Ich bin nicht frei, lasse mir von kranken Zielen meine Lebensfreude nehmen! Im Gegenteil: ich glaube sogar dadurch mehr Lebensfreude zu haben!!!
Ich rede mir nur ein, mehr Kontrolle in meinem Leben zu besitzen, wenn ICH mein Essen kontrolliere. Dabei werde ich von meiner Krankheit kontrolliert! Und trotzdem ist es mir im Moment noch nicht möglich dieses Gefühl aufzugeben!
Ich kann nicht einfach (wie beim Alkohol das kontrollierte Trinken) das "kontrollierte Essen" aufgeben und nichts mehr essen. Aber ich kann lernen meine "Scheinkontrolle" über mein Essen aufzugeben, die Kontrolle abzugeben, das Essen nicht mehr zu missbrauchen und wirklich GESUNDES Essverhalten zu lernen.
Und dazu ist es nötig mein Essverhalten zu durchleuchten, um meine Suchtlebensmittel und meine kritischen Esssituationen herauszufinden, damit ich diesen künftig, entweder aus dem Weg gehen, oder ein alternatives Verhalten finden und lernen kann. Das ist ein Prozess und kann nicht von heute auf morgen durch meinen alleinigen Willen verwirklicht werden!
Ich darf, will, muss, brauche und habe nicht überall die Kontrolle!!!!
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